CARLON Equine · Equine Heart Science

Methoden-Dokumentation

Sensor, Filterkette, Datenfluss, Auswerte-Tore, Quellen und Grenzen der Herzraten­variabilitäts-Aufzeichnung beim Pferd.
Fassung 2026-08-14 · Messprofil equine-v1 · Für Einrichtungen, Forschungspartner und Ethikkommissionen

Wozu dieses Dokument

Wer mit CARLON Equine misst und die Ergebnisse in einem Antrag, einer Studie oder einer Akte beschreiben muss, braucht die Zahlen dahinter. Dieses Dokument nennt jede Filterstufe mit ihrem tatsächlichen Schwellenwert, die Quelle dazu — und ausdrücklich auch die Stellen, an denen ein Wert eine begründete eigene Festlegung ist und kein Literaturwert. Die Werte werden bei jedem Prüflauf gegen den ausgelieferten Code verglichen.

1 · Aufzeichnung

Aufgezeichnet werden RR-Intervalle — die Abstände zwischen zwei Herzschlägen in Millisekunden. Kein EKG-Rohsignal, keine Bild- oder Tonaufnahme, keine Standortdaten.

GrößeWertAnmerkung
SensorPolar H10EKG-basierter Brustgurt, in der HRV-Forschung breit eingesetzt
ÜbertragungBluetooth Low EnergyHeart-Rate-Profil mit RR-Intervallen
Zeitliche Auflösung1 msAuflösung der RR-Intervalle des Gurts
AufzeichnungsortEndgerätBrowser oder App der messenden Person; kein Server beteiligt (Abschnitt 5)

2 · Filterkette

Beim ruhenden Pferd sind Rhythmus-Besonderheiten normal, die bei einer ungefilterten Rechnung die Kennwerte massiv verfälschen. Die Kette läuft in fester Reihenfolge; jede Stufe ist unten mit ihrem tatsächlichen Schwellenwert genannt. Alle Werte gehören zum Messprofil equine-v1 — es wird genau ein Profil mitgeliefert; für andere Tierarten sind die Werte unbelegt.

Reihenfolge im Code: Die Erkennungsstufen laufen zuerst, der Plausibilitäts-Stempel danach — und zwar mit Absicht: ein Intervall, das als physiologischer Block erkannt wurde, darf länger sein als die reguläre Obergrenze. Ein zuerst gesetzter Plausibilitätsfilter hätte genau diese Pausen weggeschnitten, bevor sie überhaupt als Block erkennbar wären.

Plausibilitäts-Stempel

Offensichtlich unmögliche Intervalle verwerfen

Ein Intervall gilt als plausibel zwischen 200 ms (entspricht 300 Schlägen/min) und 8000 ms (7,5 Schläge/min). Jenseits von 12000 ms gilt ein Wert auch als Block-Kandidat als unbrauchbar.

Die obere Grenze wurde bewusst hoch gelegt: ein längstes RR über 4 s kommt bei gesunden, wenig trainierten Pferden häufig vor. Eine engere Grenze würde genau die Pausen wegschneiden, die physiologisch sind.eigene Festlegung Ein publizierter equiner Plausibilitätsbereich existiert nicht.

Stufe 1 · T-Wellen-Zusammenführung

Doppelt gezählte Schläge zusammenführen

Wird eine T-Welle fälschlich als eigener Schlag erkannt, entstehen zwei zu kurze Intervalle statt eines richtigen. Erkannt wird das über ein laufendes Median-Fenster (300–3500 ms): Liegt ein Intervall unter dem 0,5-fachen des lokalen Medians und über dem absoluten Minimum von 100 ms, wird es mit dem folgenden zusammengeführt statt verworfen.

Stufe 2 · Artefaktkorrektur

Verfahren nach Lipponen & Tarvainen (2019), equine angepasst

Ein etabliertes Verfahren zur Erkennung ektoper und fehlerhafter Schläge über die Verteilung der Intervall-Differenzen. Der Schwellenfaktor beträgt α = 5,2; die Streuung wird über die Quartilsabweichung geschätzt, also robust gegen einzelne Ausreißer.

Stufe 3 · AV-Block II° · der entscheidende Schritt

Physiologische Pausen zurückgeben statt wegrechnen

Der atrioventrikuläre Block zweiten Grades ist beim ruhenden Pferd eine physiologische Erscheinung: ein Schlag fällt aus, das Intervall ist etwa doppelt so lang. Unter Belastung verschwindet er. Erkannt wird er über das Verhältnis zum lokalen Median (Fenster 10 Schläge): Liegt ein Intervall zwischen dem 1,8- und 2,2-fachen und sind die Nachbarintervalle um höchstens 25 % abweichend, wird es als physiologischer Block eingestuft.

Warum das entscheidend ist: Rechnet man solche Pausen roh mit, steigen RMSSD und SDNN erheblich — an echten Aufnahmen wurden bis zu +130 % gemessen. Genau die Marker, die bei kleinen Werten anschlagen, kippen dadurch ins Gegenteil.

Was mit dem Block geschieht — genau: Er zählt nicht in die Artefaktrate und damit nicht gegen die Signalgüte (weder im Zähler noch im Nenner). In der bereinigten Serie wird er dennoch interpoliert wie jede andere Markierung; erhalten bleibt er als eigene Kennzeichnung neben der Serie. Wer die Pausen selbst auswerten will, findet sie also im Datensatz — sie stehen nur nicht in den zeitbasierten Kennwerten.

Stufe 4 · Interpolation

Korrekturstufen nach Kubios-Vorbild, equine skaliert

Jedes Intervall, das eine der Stufen oben als nicht regulär markiert hat, wird über eine kubische Spline-Interpolation (Catmull-Rom) durch die nächstgelegenen regulären Nachbarschläge ersetzt. Es wird also nicht gelöscht, sondern geschätzt — die ursprüngliche Markierung bleibt neben der Serie erhalten.

Genauigkeit statt Vollständigkeit

Das Messprofil führt vier Empfindlichkeitsstufen nach Kubios-Vorbild (0,4 / 0,6 / 0,9 / 1,2 s, gegenüber humanen Werten um den Faktor 3 skaliert). Sie werden im Datensatz als Profilangabe mitgeführt, steuern den Korrekturpfad in der aktuellen Fassung aber nicht: korrigiert wird jeder markierte Schlag, unabhängig von der Abweichungsstärke. Wir nennen das hier, weil ein Methodenteil, der eine nicht angewandte Schwelle als angewandt ausgibt, an genau dieser Stelle prüfbar falsch wäre.

Signalgüte und Riegel

Aus dem Anteil korrigierter Schläge ergibt sich die Qualitätsklasse. Zwei Riegel verhindern, dass aus schlechten Daten ein Ergebnis wird:

RegelGrenzeFolge
Qualität „exzellent"< 1,0 %Anteil korrigierter Schlägeeigene Festlegung
Qualität „gut"< 3,0 %
Qualität „schlecht"< 10,0 %
Riegel: keine nichtlinearen Kennwerte≥ 5,0 %DFA, Sample-Entropie und Poincaré-Maße werden unterdrückteigene Festlegung
Riegel: gar kein Ergebnis≥ 10,0 %Die Aufnahme wird nicht ausgewertet. Ein publizierter equiner Grenzwert für die Artefaktrate ist uns nicht bekannt; die Grenze ist bewusst konservativ gesetzt.eigene Festlegung

3 · Frequenzbänder

Für die Spektralanalyse gelten equine Bandgrenzen, nicht die humanen. Ein Pferdeherz schlägt langsamer, entsprechend liegen die Atmungs- und Regulationsanteile bei tieferen Frequenzen.

BandBereichQuelle
VLF0 – 0,01 HzOriginärquelle der Bandgrenzen: Kuwahara et al. (1996), J Auton Nerv Syst 60:43–48 (PMID 8884694). Referierend: Visser (2002); Stucke (2015, Review); Wonghanchao (2025) — sie tragen die Grenzen weiter, legen sie aber nicht fest. Die Kennung im Datensatz lautet aus historischen Gründen weiterhin Equine-Visser-2002.
LF0,01 – 0,07 Hz
HF0,07 – 0,60 Hz

4 · Auswerte-Tore

Nicht jede Aufnahme trägt jede Auswertung. Wo die Datengrundlage zu klein ist, erscheint kein Ergebnis — auch keine vorsichtige Schätzung. Eine gerichtet falsche Zahl ist schädlicher als eine fehlende.

AuswertungMindestanforderungBegründung
Atemwegs-Einordnung≥ 420 s und ≥ 200 Schläge Die Schwellen stammen aus längeren Ruheaufnahmen und würden auf kurzen Messungen zu häufig anschlagen
Individuelle Baseline≥ 4 eigene Aufnahmen Darunter wird der Vergleichswert nicht als „individuelle Baseline" bezeichnet
Nichtlineare Kennwerte< 5 % Artefaktesiehe Riegel oben

Atemwegs-Einordnung: Herkunft der Schwellen

Bezugsarbeit ist Nyerges-Bohák et al. (2025), Equine Veterinary Journal, DOI 10.1111/evj.14414. Sie vergleicht n = 40 Pferde: 20 mit schwerem equinem Asthma (sEA), BAL-referenziert, gegen 20 respiratorisch unauffällige Kontrollen — bei den Kontrollen wurde keine BAL durchgeführt. Die Arbeit berichtet Gruppenunterschiede und nennt SD2, SDNN, TINN und SD2/SD1 als die trennstärkeren Größen. Einen diagnostischen Schwellenwert enthält sie nicht.

Unsere Schwellen liegen mittig zwischen den publizierten Gruppenmitteln. Sie sind damit eine begründete Ableitung von uns und kein Literaturwert.eigene Festlegung Kernschwellen: SDNN 55 ms, SD2 65 ms, SD2/SD1 1,50, TINN 300 ms, DFA-α₁ 0,70, Sample-Entropie 0,80.

Eine Schwelle haben wir ersatzlos gestrichen

Bis August 2026 stand hier zusätzlich ein RMSSD-Wert von 95 ms. Er war der Bezugsarbeit zugeschrieben, kommt dort aber nur als 95-%-Konfidenzintervall vor — und er lag über dem Mittelwert der gesunden Kontrollgruppe derselben Arbeit (86,0 ms). Eine Schwelle, die die Mehrheit der gesunden Studienpferde als auffällig markiert hätte, war am eigenen Zitat widerlegbar. Sie wurde gestrichen und nicht ersetzt — Gruppenmittel sind keine Schwellen.

Grenze dieser Einordnung

Es handelt sich um eine Einordnung von Messwerten, nicht um eine Diagnose. Die bronchoalveoläre Lavage (BAL) bleibt der Goldstandard. Die Entscheidung trifft ausschließlich die tierärztliche Praxis.

5 · Datenfluss

Der Weg der Daten ist Teil der Methode, weil er bestimmt, wer worüber verfügt.

  1. Der Gurt überträgt die RR-Intervalle per Bluetooth an das Gerät der messenden Person (Browser oder App).
  2. Die Aufnahme entsteht und bleibt auf diesem Gerät. Es gibt keinen Zwischenspeicher bei uns und keinen Upload.
  3. Zum Weitergeben entsteht eine Datei, die die messende Person selbst verschickt — auf dem Weg, den sie ohnehin nutzt. Wurde die Messung über den Link einer Praxis geöffnet, ist die Datei bereits für diese Praxis verschlüsselt.
  4. Die empfangende Einrichtung liest die Datei in ihr eigenes System ein. Der vollständige Datensatz liegt zusätzlich als offenes FHIR-R5-Bundle bei.

Für eine Datenschutz-Folgenabschätzung heißt das: Zwischen der messenden Person und der empfangenden Einrichtung steht kein Dienst von uns. Welche personenbezogenen Angaben eine Aufnahme trägt, entscheidet die aufzeichnende Stelle — die Datei selbst führt keine Kontaktdaten mit.

6 · Nachvollziehbarkeit

Jeder ausgegebene Kennwert trägt einen Herkunftsvermerk: ob er von der aufzeichnenden App berechnet und durch die Filterkette geführt wurde, oder ob er hier aus der Rohserie abgeleitet ist. Fehlt der Vermerk, wird die Filterkette nicht behauptet — dann steht im Bericht ausdrücklich, dass die Werte ungefiltert sind und nicht gegen Referenzwerte gestellt werden dürfen.

Das ist keine Formalie. Ein Dokument, das eine Artefaktkorrektur ausweist, die nie gelaufen ist, lässt rohe Werte wie geprüfte aussehen — und beim ruhenden Pferd liegen rohe und bereinigte Werte weit auseinander (siehe die +130 % oben). Deshalb gilt: Die Artefaktkorrektur wird nur dort genannt, wo sie tatsächlich stattgefunden hat.

Der ausgegebene Bericht nennt in einem eigenen Abschnitt „Methode & Grenzen" die tatsächlich gelaufene Kette samt Quellen. Rohdaten (RR-Serie) lassen sich jederzeit als JSON, CSV oder Kubios-kompatibel exportieren, sodass jede Rechnung unabhängig nachvollzogen werden kann.

7 · Grenzen

8 · Quellen

Getrennt nach dem, was eine Arbeit bei uns wirklich trägt. Eine Arbeit, die zum Thema passt, aber die zitierte Aussage nicht enthält, steht hier nicht als Beleg — sie wäre schädlicher als eine fehlende Quelle.

Tragen eine Zahl oder eine Klassifikation

Methodische Übersichten — sie tragen hier keine Zahl

Was wir im August 2026 zurückgezogen haben

Eine Prüfung aller Quellenangaben gegen die Primärarbeiten hat mehrere Zuschreibungen nicht bestätigt. Betroffen waren unter anderem: die Herkunft der RMSSD- und SDNN-Bänder (Stucke 2015, von Borell 2007, Ille 2014 — keine dieser Arbeiten trägt sie), ein Ruhe-Herzfrequenz-Bereich, eine Artefaktgrenze und eine Zuverlässigkeitsangabe, deren angebliche Quellen sich nicht auffinden ließen. Eine Angabe war in unserer Fassung in Titel, Journal und Seitenzahl frei erfunden. Die betroffenen Zahlen sind entweder gestrichen oder stehen jetzt überall dort, wo sie erscheinen, als eigene Festlegung — keine wurde einer Ersatzquelle zugeschrieben.